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Alltags-Kolumne

Bling-go im Mutterschiff

High Performance am Pausenhof: eine Hymne auf den digitalen Eltern-Wahnsinn.

Ich dachte immer, wenn es endlich passiert, wenn mein Name irgendwo steht, wo mir nicht auch gleich „letzte Mahnung" daneben entgegenleuchtet, dann tanze ich Samba. Oder mindestens irgendwas mit den Hüften.

Aber gut, das ist vielleicht leicht übertrieben und in dem Brief, den die Schule uns kurz vor Schulbeginn gesendet hatte, stand ja eigentlich auch nur "An Familie...". Trotzdem fühlte ich mich ein wenig wie Shakira. Nur mit Ausschlag. Immerhin war dieses Schreiben kein Schimpfwort, sondern die offizielle Bestätigung "Dein Kind kommt in die Schule, Mama, du kannst die Wäsche zu Hause wieder alleine falten und musst deinem Physiotherapeuten zumindest vorgaukeln, dass du nun endlich Zeit hast für die dir verschriebenen Übungen."
Sollte ich mich freuen? Sollte ich im Tränenmeer versinken? War ich eine schlechte Mutter, wenn ich eines der beiden Dinge tat?

Ich habe nun zwei Schulkinder. So viel Freiheit, so viel Ruhe und Stille, so viel beinahe unbegrenzte Möglichkeiten – bis mein Handy blingt und mir in etwa sowas mitteilt wie: Der Schulbetrieb läuft und die App ist zurück, Schwester. DIE App. Die „Kommunikationslösung für Schule und Eltern". Eine App, die mir täglich beweist, dass Organisation auch eine Waffe sein kann. Parallel dazu flattert weiter Papierpost ins Haus. Wahrscheinlich, damit man sich die Mitteilungen auch noch ans Kühlschranktürherz heften kann, damit weder dein Nervensystem noch die Klebereste jemals zur Ruhe kommen.

Die App ist ein ausgefuxtes kleines Ding und ermöglicht der Schule, Infos jeder Zeit rauszulassen. Gemeinsam mit WhatsApp geht sie eine wunderbare deleterische Symbiose ein, woraus sich hier eine nette kleine Auswahl erstellen lässt – mein persönliches ‚Blin-go':

Erst kommen die Schulnachrichten, App-Bling um Bling, wie eine hyperaktive Slotmaschine: Infos zur Schulreise, zum Verkehrsgarten, zum Elternbesuchstag und zu neuen Stundenplänen, die sich anhören wie Kündigungen in Etappen. Immer wieder steht da: „Bitte notieren Sie sich …" und ich will einfach nur noch meinen Kopf abschrauben und mit ihm Ballwurf üben. Volltreffer: Lehrerzimmer.
Und dann stürmen die Eltern zusätzlich die WhatsApp-Privat-Barriere:
"Agron würde sich gerne zum Spielen mit Kaya treffen. Wie wär's mit dem 2.10., alternativ 3.11.?" – "Zoe feiert Geburtstag und wünscht sich ein schleimkotzendes Einhorn." – "Malia hat zu Hause erzählt, dass Emma erzählt hat, Elias habe Fernando heute in der Pause ausgeschlossen. Was wollen wir dagegen tun? Kann ich dich anrufen?" – Eine neue Gruppe wird gegründet, diesmal wegen eines Abschiedsgeschenks für die Lehrperson, kurz vor ihrem Mutterschaftsurlaub. (Bastelideen sind gefragt. Dringend. Jetzt. Sofort. Kostenpflichtig, sonst bist du raus.)

Es regnet Doodles, Kuchenlisten, Sprachnachrichten mit Babygeschrei im Hintergrund, Sätze wie: „Ich weiß, es ist etwas kurzfristig, aber …", und Terminvorschläge, als wäre ich Sekretärin in einer Kanzlei.
Ich scrolle, verliere den Überblick, scrolle zurück, lese es nochmal, schäme mich, weil ich schon wieder nicht zurückgeschrieben habe. Und das waren nur die ersten fünf Wochen. Was gäbe ich dafür, mit der Familie in ein abgelegenes Häuschen am Bach zu flüchten: Selbstversorgung, Erfahrungslernen und garantierte Funkstille.

Aber ich bin hier und während andere scheinbar in Windeseile vegane Cake-Pops backen, bekomme ich gar nichts mehr gebacken, außer vielleicht Toast. Und sogar der hat angekokelte Ränder. Die einen lassen personalisierte Freundschaftsbücher drucken, nähen Theaterkostüme, und ich suche im Geiste 30 Pappteller für allergiegetestete Kinder zusammen und frage mich, wann ich eigentlich das letzte Mal etwas Eigenes im Kalender stehen hatte.

Die nächste Nachricht klicke ich einfach weg, als wollte ich mein Gehirn neu starten. Nichts hilft. Ich frage mich, wie das andere Mütter machen. Also nicht Mütter wie ich, sondern pädagogisch versierte Mamis mit Biorhythmus im Excel-Format. Die mit Laptop und Waldorfpuppe unterm Arm und einem Terminkalender, der wahrscheinlich beim Militär getestet wurde. Die, die um sieben Uhr schon eine siebenteilige Brotdose mit gestanzten Alpaka-Avocado-Gesichtern in die Schule zaubern, während sie gleichzeitig drei Teams führen, zwei Instagram-Accounts pflegen und trotzdem noch genug Zeit haben, ihre Augenbrauen zu bürsten.
Dagegen fühle ich mich grauenhaft, weil ich ernsthaft überlege, wie ich das schaffen soll, wenn mein drittes Kind dann auch noch zur Schule kommt. Ich hatte doch Ruhe erwartet, wollte wenigstens einmal meinem Physiotherapeuten nicht ins Gesicht lügen. Aber ich seh schon, ich werde im Dreieck rennen, mit einem Auge auf dem Backofen, dem anderen auf der Allergieliste und dem dritten auf dem Handy, das wieder nach Fruchtspießen schreit. Wäre es moralisch noch vertretbar, Weißbrot zum Frühstück zu servieren, solange ich vorher das Wort ausgewogen sage?

Ich habe das Gefühl, gerade erst die letzte Brotdose gespült zu haben, dabei war es schon die übernächste. Wenn ich nicht gerade Müll trenne, trenne ich Streit. Und wenn niemand schreit, ist es meist der Moment, in dem ich erschrocken feststelle, dass ich vermutlich vergessen habe, jemanden irgendwo abzuholen.

Dann folgt mein persönliches Abendritual, das garantiert keine Probleme löst: Sobald die Kinder schlafen, schaue ich beim Scrollen zu, wie sich mein Nervenkostüm langsam deinstalliert. Ich scrolle durch Insta und finde genau das, was ich suchte, ohne es suchen zu wollen: Mamas, die in unangetasteten Designerküchen Quellwasser aus Glasflaschen abkochen, Blusen tragen, die ich nicht mal bügeln könnte, und sich mit Anfang dreißig, vier Kindern und einer weiteren Führungsposition das zweite Haus kaufen. Morgens trinken sie Selleriesaft, mittags produzieren sie Content und abends legen sie eine achtsame Journaling-Session ein. Die Kinder sind da und irgendwie auch nicht.

Alles wirkt glatt – Vorhänge, Haut, Lebensentwurf. Männer tragen Frauen auf Händen. Frauen tragen Leichtigkeit und unverwüstlichen Lippenstift. Kinder weiße Leinenhosen. Dazu spielen sie Geige oder sprechen wenigstens Mandarin.
Mein Leben hingegen? Cancelled by Chakra. Kann man heute überhaupt noch irgendwo leben ohne Performance?

Vielleicht mit dem richtigen Produkt und was bin ich für ein Sonntagskind, es wird mir auch gleich verlinkt. "Glückwunsch" blingt mein Postfach. Ich habe gerade ein Trostpflaster mit Trackingnummer erhalten. Weil Belohnung sein muss, selbst wenn sie aus China kommt und drei Wochen braucht.

Dem Physiotherapeuten habe ich zwar immer noch nichts vorzuweisen außer einem App-Daumen im Endstadium, und statt Samba tanze ich jetzt den Schul-App-Shuffle (zwei Schritte vor, drei Kuchen zurück, Hüftschwung direkt in die Überforderung.) Aber gut, meine Hüften lügen bekanntlich nicht. Sie sagen ganz klar: Ich brauche eine Pause.
Und zwar ohne Push-Nachricht, ohne Kuchenbasar und ganz bestimmt ohne Journaling-Session.

Ob mir das gelingt? Stay tuned.
Oder schalt einfach ab.


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