Ich lebe mit meiner Familie auf der Upper East Side. Richtig, New York. Unser Appartement, so würde ich behaupten, entspricht den heutig gängigen gesellschaftlichen Normen. Inmitten einer schnelllebigen Stadt, in der manch verlorene Seele bereitwillig den toxischen Smog der Moderne mitsamt der ersten Kippe des Tages inhaliert und in der der Dreck auf der Straße nicht weiter von unserer steril glänzenden Wohnung entfernt sein könnte, setzen wir in unserem Heim ganz auf gesunde Natürlichkeit. Damit meine ich keine schief aufgehängten Zapfen, die aussehen, als hätte ein Waldkindergarten die Inneneinrichtung übernommen. Nein. Wir kommen auch ganz ohne Baum aus. Es soll ja auch nur aussehen wie Natur. Riechen soll es wie ein parfümierter Zuchtspaniel einer Rituals-Marketingleiterin, die in ihrer Freizeit Öko-Seminare abhält.
Unser Heim, unser Rückzugsort. Während im warmen Morgenlicht alles so schön dasteht und die Samtvorhänge eine Symbiose mit dem Kaschmirteppich eingehen, beschließe ich spontan, ein Bild dieser Idylle zu machen – nicht für mich. Für die Menschheit. Denn ich gönne. Und fotografiere unser Wohnzimmer mit der schlichten Sofalandschaft in der Farbe der Eierschale eines schwedischen Blumenhuhns.
Zeit dafür hab' ich ja, denn meine Kinder sind bereits in der Schule. Sie besuchen die Private School. Den Preis zahle ich gerne, denn ich möchte, dass sie ihre Individuen frei entfalten können und nicht in ein Schulsystem gepresst werden, das junge Menschen wie ein schlecht sortiertes Besteckfach behandelt. Manchmal frage ich mich, warum so viele Eltern ihren Kindern das Beste verweigern – wahrscheinlich, weil ihnen schlicht der Weitblick fehlt?
Aber gut, manche verstehen halt nicht, was es heißt, das volle Potenzial auszuschöpfen. Glück ist ja nichts Zerbrechliches. Es liegt fest in der Hand – solange man nicht stolpert. Vor allem leben wir doch in einer Zeit, in der Bildung und Chancen quasi auf der Straße liegen – man muss sich doch nur mal bücken (oder einen Kanal wie meinen abonnieren.) Doch eigentlich geht mich das nichts an, und es interessiert mich auch nicht sonderlich, was andere denken. Niemals. Mich interessiert dafür meine Familie, die ich abends wiedersehe, wenn wir alle im selben Pyjama zusammen in mein Smartphone lachen und unseren Zuschauern eine gute Nacht wünschen. Mit Rabattcode. Die einen zählen Schäfchen, wir Likes.
Dennoch: Wie könnte ich eine gute Mutter sein, wenn mir nicht auch genügend Raum für mich selbst bliebe? Zeit für freies Denken und Schaffen. Ich möchte nicht nur auf eine einzige Rolle reduziert werden: Mutter. Ich bin mehr. Ich bin auch Reporterin, Ehefrau, Content Creator, Autorin, Unternehmerin (und ganz wahrscheinlich eine Inspiration?)
Und da sind wir schon beim Punkt. Stichwort Manifestation – damit erreicht man so gut wie alles. Niemals würde ich in völliger Abhängigkeit leben wollen. Niemals würde ich meine Tage mit dem Falten von Wäsche oder dem ständigen Putzen der Wohnung verbringen wollen. Das wäre doch wie ein langsames Verwelken in einem Raum voller Topfpflanzen – es beginnt zu stinken, keiner merkt es, und irgendwann wirst du einfach weggeworfen. Am Ende kannst du nicht mal die Gebühren für den Komposthaufen zahlen, auf dem du landest. Und sowieso, geht es im Leben nicht darum, jeden Moment voll und ganz auszukosten? Das tue ich, vor allem, wenn die Familie aus dem Haus ist. Während also Angestellte für uns welken, wachse ich über mich hinaus – in ein Leben, das sie sich in ihrer nächsten Manifestation wahrscheinlich auch wünschen.
Übrigens: Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist eine gute Organisation. So bleibt mir beispielsweise noch etwas über eine Stunde für meine morgendliche Faceyoga-Routine und einen Abstecher nach SoHo. Hier ist Eis-Matcha-Latte kein Mantra für zehnjährige Schulmädchen in bauchfreien Tops, sondern das Frühstücksgetränk für Frauen, die den Rest des Tages im Yogaloft verbringen, um diesen rechtfertigen zu können. Ich gönne. Schon wieder. Diesmal in Form eines Blaubeer-Dattel-Kombuchas und eines Taxis, das mich an den Rand des Central Parks chauffiert, wo ich gleich abgelichtet werde.
Ja. Ohne mich aus dem Fenster lehnen zu wollen – aber wenn ich es täte, hätte ich nicht nur einen besseren Blick auf mein kürzlich erschienenes Selbsthilfebuch, das derzeit in sämtlichen Buchhandlungen in den Schaufenstern steht – sondern könnte auch auf meinen eigenen Erfolg blicken. I'm every woman. Kinder, Karriere, Auswandern, finanzieller Wohlstand, einen Schönheitschirurgen, den ich mit Vornamen anspreche – und alles ohne von einem Typen mit fragwürdiger Rückenbehaarung abhängig zu sein, der nach der Arbeit seine Stinkefüße auf dem von mir frisch polierten Couchtisch festnagelt und Essen bestellt, als sei ich ein personifiziertes Chinarestaurant.
Während ich im Taxi sitze und zufrieden aus dem Fenster blicke, weiß ich, dass hier in New York kein Mid-Fünfziger mit lichtem Haar und Bindungsphobie weiß, was Frauen wollen – nein, wir wissen es längst selbst. Und das ist gut so.
Da wären wir auch schon bei Mel Gibson. Dieser sitzt nun hinter dem Steuer des Taxis und lenkt uns geschickt durch die Reihen festgepflanzter Fahrzeuge im morgendlichen, stockenden Geschäftsverkehr. Nichts könnte uns aus der Ruhe bringen. Weder das Hupkonzert noch all die fluchenden Leute in ihren Autos, die nur deshalb sauer sind, weil sie pünktlich zu einem Job kommen wollen, der sie noch weit mehr stressen wird als dieser Stau hier.
Tja, das ist die Wahrheit. Wer noch nicht auf den Highspeed-Zug der Moderne aufgesprungen ist, um mit zwei Stunden Onlinecoaching täglich und einem Privatjet-Ticket in die Karibik durchzustarten, weiß: Das gute alte 'Nine to Five' hat sich längst in ein 'Nine to Nine' verwandelt – und keiner hat gefragt. Stattdessen schuften sie sich langsam aber sicher in die Klapse – lecken dabei ihrem Boss täglich die Haare am Hintern glatt und dürfen am Monatsende trotzdem betteln, damit das Gehalt für eine kleine Wohnung reicht, die sie nur von innen „sehen", wenn sie schlafen.
Selbst ehemalige Tupperware-Vertreterinnen haben mittlerweile mehr Autorität als diese Bürogummis. Die sind jetzt wenigstens Admins von Selbsthilfegruppen auf Facebook und bellen verzweifelten Mitgliedern die Regeln um die Ohren, als wären sie CEOs einer globalen Coaching-Firma. Nur halt ohne Firma. Aber gut, irgendwer muss ja das Mindset retten. Meines zumindest steht fester als ein britischer Gardesoldat vor dem Buckingham Palace. Hab ich das schon gesagt?
Da bringt mich auch nicht so schnell das leise „Tuck Tuck Tuck" aus der Fassung, das ich plötzlich von irgendwoher vernehme – so glücklich bin ich, so leise das Geräusch. Viel lieber lasse ich meinen Blick im Handspiegel gleiten. Ich zwinkere mir zu, zufrieden mit dem, was ich sehe. „Tuck Tuck Tuck." Schon wieder. Vielleicht doch ein wenig störend, aber nicht genug, um Gibson zu fragen. Der fährt und schlürft gleichzeitig seelenruhig an einem Strawberry Matcha, vermutlich seiner Yoga-Freundin abgeknöpft, die gerade sonst wo die Beine breit macht und tief ausatmet. Vermute ich. Egal. Spotify spuckt Annie Lennox aus, und er brummt genüsslich mit, die Lippen voller Milchschaum, den Becher sicher zwischen Knie und Lenkrad geklemmt.
Ich lausche, weil Weghören gerade schwierig ist, bis mich das wiederkehrende Rattern endgültig aus den Gedanken reißt.
Seltsam. Klingt, als käme es von draußen.
Ich frage mal nach: „Ähm, Mister Gibson, you hear the Geräusch too? Could you vielleicht open the window, please?"
Hä? Egal. Gibson hört mich sowieso nicht. Und ich frage mich unweigerlich, was hier eigentlich falsch läuft. Er jedenfalls trommelt auf das Lenkrad und grölt lieber weiter, als wäre er allein im Taxi. Also öffne ich halt selbst das Fenster. Irgendwer muss hier ja Verantwortung übernehmen. Frauen eben. Ich lehne mich hinaus und spitze die Ohren. „Tuck Tuck Tuck." Das kommt doch von... Und da taucht sie auf.
Gibsons Sing-Sang rauscht nun irgendwo im Hintergrund, während eine Biene zielsicher ins Wageninnere schwebt. Erst inspiziert sie in aller Seelenruhe das Auto, doch dann surrt sie wie von der Tarantel gestochen durch die Luft, stoppt abrupt und fixiert mich. Der standhafte Gardesoldat mit perfektioniertem Mindset in mir knickt schneller ein als der Bio-Pappstrohhalm in Gibsons Latte.
Ich packe meine Handtasche und fuchtle damit um mich, in der Hoffnung, das Vieh irgendwie zum Fenster zu treiben – oder in den Tod. Hauptsache aus meinem Leben. Doch die Biene bleibt unerbittlich, als hätte sie es jetzt erst recht auf mich abgesehen.
„Tuck Tuck Tuck." Mein Puls rast. Ich muss hier raus. Sofort. Doch bevor ich Gibson anweisen kann, anzuhalten, passiert es: Die Biene sticht zu. Mein Hals schwillt an. Gibson schmettert herzhaft: „And I've got so little left to lose that it feels just like I'm walking on broken glaaaaass!"
Ich versuche ihm etwas an den Hinterkopf zu werfen, ihn anzuschreien, doch ich röchle nur vor mich hin. Mein „Hold endlich mal your Fresse!" erreicht ihn nicht, also denkt er nicht mal daran und das Ende kommt schneller als erwartet. Mein Leben flimmert in einer unpassenden Diashow an mir vorbei, ohne das große Drama, das ich eigentlich verdient hätte.
„Tuck Tuck Tuck" – doch nicht. Das dumpfe Geräusch zieht dem Spektakel von jetzt auf gleich den Stecker.
„Hat die nich' mehr alle Latt'n am Zaun?" Gibsons Stimme. (Der Arsch!) Wieso hat er mich nicht gerettet? Ich atme schwer, fasse mir an den Hals – nichts mehr geschwollen. Die Welt schärft sich. Häuser und Bäume ziehen vorbei. Kein Taxi. Keine Biene. Keine Wolkenkratzer. Nur eine blasse Gestalt mit Filzpalme auf dem Kopf und trockenen Lippen, die mir aus dem spiegelnden Abteilfenster leer entgegenblickt, und das müde Rattern eines Zuges. Mitten in der Schweiz. Ich fühle mich wie ausgewaschen, drehe meinen Kopf und schaue zu Mel Gibson. Während meine Erinnerung ein weiteres Upgrade erfährt, bekommt er so was wie ein Downgrade. Wie sich herausstellt, ist Gibson doch eher Uwe Ochsenknecht. Also mehr Mettbrötchen als Method Acting. Und ich sehe zu allem Übel auch noch aus wie seine Zwillingsschwester. Er streckt mir seine Hand entgegen und trippelt ungeduldig mit den Füßen auf dem Boden herum: „Hören Sie, jute Frau, beruhig'n Sie sich und zeig'n Sie mir einfach Ihre Fahrkarte."
Naja was soll's. Dann halt doch nur das normale Leben.