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Alltags-Kolumne · Triggerwarnung: Das geht unter die Gänsehose

Muttermundpropaganda

Alles, was du nie über Intimität wissen wolltest.

Heute war es so weit. Heute wurde ich auf das Thema Intimität angesprochen. Einfach so. Von allen Themen, die man mit der charakterschweren Freundin der eigenen Mutter besprechen will, liegt dies ganz oben auf der Liste – gleich nach „Schau mal mein Hühnerauge an" und „Hast du eigentlich mit diesem schweren Busen keine Rückenschmerzen?".

Ja, es gibt Momente im Leben, da glaubt man, eine neue Wahrheit über sich zu lernen. Heute die Folge: Intimität ist Kommunikation. Sagt die Freundin meiner Mutter. Und sie muss es wissen, denn sie hat aufgrund tiefgründiger Kommunikation viermal geheiratet. Das freut mich.

Ich dachte immer, Intimität wäre Sex mit Gefühl. Oder wenigstens gelöschtem Licht. Aber da lag ich wohl falsch. Und während eben diese Freundin meiner Mutter den ganzen Nachmittag über Intimität referierte, hatte ich einen Flashback.

Ich knie auf dem Bett. Unten ohne, mein Mann auf dem Stuhl nebenan – tut so, als würde er schlafen. Ich hingegen: komplett wach, komplett entblößt. Vom Bauch abwärts gelähmt, weil die PDA nach dem 6. Stich endlich das Rückenmark erreicht hat. Auch andere Mittelchen wirken. Nur eben nicht dort, wo sie sollten. Bedeutet: Durchfall. In einen Metalleimer. Auf dem Bett. Ohne Kontrolle. Ohne Würde. Und mittendrin will ein Baby raus. Kommunikation? Süß.

Was Intimität wirklich bedeutet, weißt du erst, wenn du deinem Partner ins Gesicht schaust, während du in einen Spucknapf scheißt.

Und auch die Hebamme rührt sich nicht mehr. Stattdessen sieht sie aus, als hätte sie lieber Industriekauffrau gelernt. Für die Hälfte des jetzigen Lohns, aber mit geregelten Arbeitszeiten und einer Kaffeemaschine, aus der braune Flüssigkeiten fließen, ohne dass jemand dabei schreit.

Werden wir Eltern, bekommt Intimität doch eine völlig neue Bedeutung. Das Zauberwort dafür heißt Resignation. Ja, es gibt Menschen, die springen aus Flugzeugen oder gründen Start-ups mit einer PowerPoint-Präsentation und einem Kaffee zu viel in der Blutbahn.
Und irgendwo dazwischen gibt es uns.
Wir springen nicht. Wir ducken uns. Und das seit Jahren. Vor Wutanfällen auf Supermarktkacheln, dem nächsten Elternabend oder der Freundin der Mutter, die zwischen Briefkasten und Hausflur über Intimität sprechen will. Aber so ist es halt. Eltern zu sein bedeutet nicht, die Kontrolle zu haben; es bedeutet, sich mit Würde von ihr zu verabschieden. Ja, wir resignieren auf allerhöchstem Niveau. Ohne Stil. Ohne System. Dafür ganz intim. Ein Überlebensprinzip also. Dafür bekommen wir eine Umarmung mit verschmierten Händen und einen Satz wie: „Mama, du bist wie ein dickes Einhorn, nur echter." (Zugegeben, das Kind hatte 39 Fieber, aber wir nehmen, was wir kriegen.)
Man sagt, Elternsein sei das Schönste auf der Welt. Dabei ist es wie eine Dauer-Yogaübung für Psyche, Nerven und Beckenboden. Es formt dich. Es dehnt dich. Es bringt dich an deine Grenzen. Und wenn du denkst, du bist durch, kommt Phase 4. Oder ein Läusezettel.

Tatsächlich wäre ich selbst nie auf die Idee gekommen, liebe Ingeborg, dass Kommunikation das Intimste überhaupt sei. Außer vielleicht für Leute, die sich auch irgendwann mal Kinder wünschen, weil man sich dann so schön „zurücklehnen kann". (Als ich das gehört habe, habe ich mich vor Lachen gleich ein wenig eingepinkelt.) Ich hätte da andere Vorschläge. Zum Beispiel: Neun Monate Schwangerschaft, in denen man fast täglich gleichzeitig kotzt und scheißt – und das nicht im übertragenen Sinn. Oder die Tage nach der Geburt, wenn du „Dinge" in der Größe eines Golfballs verlierst und alle nur fragen, ob du das Baby auch „genießt".
Oder deine Schwiegermutter, die dich kurz vor dem Blasensprung noch zur Seite nimmt, um zu fragen, ob du dir noch die Schamhaare rasiert hast. Ja, danke. Ich habe mir zwischen Fruchtwasser, Fruchtblasen und Fruchtfliegen kurz das Bikini-Set zurechtgestutzt.

Und dann dieser Moment, in dem du plötzlich checkst: Intimität ist nicht das, was ihr euch vorstellt. Sie beginnt, wenn ein Sperma es schafft und du ab dann nie wieder alleine pinkeln darfst.

Beim ersten Ultraschall willst du höflich sein. Alle, die sich (noch) freuen, dürfen mit.
Bis der Gynäkologe nüchtern verkündet: „Wir machen das vaginal."
Du nickst (warum auch immer). Und hoffst, dass der Schwager wenigstens nicht nachfragt, wie tief. Beim zweiten Kind bist du schlauer. Nur der Mann darf mit. Leider träumt er sich mitten im Aufklärungsgespräch weg, während du mit gespreizten Beinen ein pochendes Leben bestaunst. Ein intimer Moment also, ganz zwischen dir und deinem Gynäkologen.
Im Kreißsaal wird's dann besonders magisch. Während du gerade atmest wie Darth Vader auf Speed, meint der Arzt: „Gleich kommen Medizinstudenten vorbei – zur Ausbildung." Und du denkst: „Aha, also gleich performen."

Während du unten komplett offen bist, weil der Kopf deines Kindes sogar deine Hämorrhoiden voneinander getrennt hat, platzt dein Mann zurück in den Raum – Cola, Snickers, Fußballergebnisse, Ahnungslosigkeit. Er sieht dich. Und mit „dich" meine ich: wirklich dich. Nicht deine Seele. Sondern dein Innerstes. Beispielsweise deinen Gebärmutterhals, der gerade ebenfalls das Licht der Welt erblickt. Live und ungefragt. Danach schaut er dich nie wieder so an wie früher. Und ehrlich gesagt: Du ihn auch nicht.

Doch die wahre Intimität beginnt erst danach. Wenn du pupsend durch den Supermarkt marschierst, weil dein Beckenboden beschlossen hat, er möchte jetzt lieber Pilateslehrerin auf Bali werden. Wenn du daraufhin deinen älteren Kindern erklärst, dass Furzen natürlich ist, während du selbst weiterhin bei jedem Niesen ein bisschen Fruchtwasser flashbackst. Wenn du nachts schlafend zum Stillkissen mutierst, dein Mann am Rand liegt wie ein ausgemusterter Turnbeutel und dich morgens fragt, ob du „auch so müde bist".
Kinderlose denken bei Intimität an Nähe. Eltern denken bei Intimität an Freiheit. An Türen, die sich schließen lassen. An Essen, das nicht geteilt werden muss. An Körper, die einem selbst gehören. An Gedanken, die man zu Ende denken darf. Und an einen Tag ohne Fragen wie: „Warum hast du so viele Haare an der Oberlippe?"
Und wenn du glaubst, es wird irgendwann wieder privater – kommt die Familienfeier. Das Event, bei dem du lernst: Intimität ist, wenn ALLE kommunizieren. Die Tage sind also gezählt, als noch Klassiker im Umlauf waren wie: „Wann heiratet ihr?" oder „Wann kommt das zweite Kind?". Jetzt heißt es: „Wo und wann habt ihr überhaupt noch Sex?" (Gefragt vom Großonkel väterlicherseits!)

Und später erzählen dir andere Mütter ernsthaft noch, sie hätten dreimal die Woche Sex mit ihrem Partner. Wann? In der Mikrowellenpause? Oder zählt es schon, wenn man sich beim Einschlafen versehentlich berührt?
Was ich sagen will: Ja, Kommunikation kann intim sein. Aber manche Gespräche führst du nicht mit Worten, sondern mit deinem Hintern. Oder mit Händen, die den Alltag zusammenhalten. Vielleicht auch mit Körpern, die längst niemandem mehr gehören außer allen. Und vielleicht ist Intimität eben genau das: Wenn keiner mehr überrascht ist, wenn du furzt. Wenn keiner mehr fragt, wo du warst, weil alle wissen, dass du längst überall warst. Und dir dann plötzlich bewusst wird, dass du selbst der Ort bist, an dem jeder hier schon mal gewesen ist. Zum Schluss fragst du dich, warum eigentlich nur die Waschmaschine ein Entkalkungsprogramm hat.
Und manchmal, wenn du spätabends im Bad stehst – zwischen Windeleimern, Zahnpasta an den Fliesen und dem Spiegelbild, das mehr Graustufen als klare Linien kennt – denkst du: „Ich bin müde. Ich bin wund. Ich bin überall. Aber verdammt noch mal, ich bin noch da. Also irgendwo." Das, so scheint mir, ist zumindest vielleicht die intimste Form von Liebe, die es gibt.
Vielleicht ist Kommunikation also nicht gleich Intimität. Aber sie könnte der Anfang sein.


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