pages & calories

Alltags-Kolumne

Die Prüfung des Grauens

Warum meine Kinder nie wieder einen Campingplatz von innen sehen werden.

Es war Sommer. Den Kindern zuliebe (jaja, weil Kontakt zu anderen Kindern, Animationsteam, das Budget hat kein All-Inclusive zugelassen und so) campierten wir zusammen mit den Großeltern, ihrem Hund, schätzungsweise 10'000 Stechmücken, Läusen oder anderen Blutsaugern – was weiß ich, in einem «Home Deluxe». Sprich einem ziemlich überschaubaren Wohnwagen mit Toiletten-Leck. Wo? Logo. Im Malle der Schweizer, dem Tessin. Zu siebt. Ich bin ja ein großer Fan von Campingplätzen. Duschrinnen voller Haare, die nicht meine sind, und viele fremde Zähne beim Zähneputzen.

Aber von vorne. Dass das Ganze herzlich wenig mit Ferien zu tun haben würde, ignorierten alle Beteiligten gekonnt, und ehe man sichs versah, fuhren wir gekünstelt overhyped und musikalisch untermalt in quälender O-Zone-Dauerschleife (ein Bandname, wie er das Wetter nicht besser beschrieben hätte können) in den Süden.

Dort angekommen, grüßte nicht nur ein ferientypisches südländisches Duftgemisch aus Abwasserkanal, Sonnencreme auf Schweiß und Paco Rabanne, sondern auch noch Campingnachbar, Adilettenliebhaber und Oberkörper-Exhibitionist Rüdiger – ca. 60. Mit einem Humorlevel, das irgendwo zwischen Gartenzwerg und Grabrede pendelte, scherzte er sogleich: «Oha, die haben dich schon vor mir gepackt!» Er zeigt auf meine Beine, die fünf Minuten nach Ankunft bereits verstochener waren als Janet Jacksons rechte Brust. «Na na, schau nicht so Mädel. Uschi! Hol schon mal das Bier raus für die Neuankömmlinge.» Uschi, offenbar seine Angestellte Frau, kicherte spitz. Alle anderen verstummten, als hätten sie plötzlich keinen Sauerstoff mehr zur Verfügung. Ein paar Flachwitze später, warf dann auch Uschi das Handtuch. Und zwar genau über die Wäscheleine, nachdem sie noch kurz einen Abwasch zwischen Tomaten-Mozzarella-Salat-Rüsten und Servierdüsen-Dasein hingelegt hatte.

Äußerlich eher eine Mischung aus Iggy Pop und Donatella Versace, (jedenfalls wenn Jackie Stallone ihre Mutter und Wolfgang Petry ihr Friseur wäre), stellte sich heraus, dass Vollzeitkraft Uschi auch einfach so ein glattes Herpes-Himmelfahrtskommando war.
Zur Begrüßung entriß sie mit Glimmstängel in der Hand meiner Tochter den Schnuller und säuselte: «Na, wo ist er hin?» Töchterchen fands weniger lustig und wollte ihn wieder zurück, worauf Uschi mit ausgereiftem pädagogischem Fachwissen trällerte: «Wie lautet das Zauberwort?» «Hex Hex!», kams zurück. Super, das musste nun auch Uschi verstehen.

Alles in allem war ich von unseren Nachbarn nicht weniger fasziniert als sie von uns – zumindest wenn man nach der strategischen Ausrichtung ihrer Klappstühle ging. Bei näherer Betrachtung stellte sich doch tatsächlich heraus, dass Uschi alles machte und Rüdiger überzeugt war, dass Zusehen auch ein Beitrag war. Er philosophierte offenbar gerne über Hausarbeit. Praktisch blieb er jedoch lieber theoretisch.

Das Schönste am Campen überhaupt waren aber nicht die verschwitzten Leute in zu engen Badekleidern (gelegentlich auch im ortsansässigen Supermarkt anzutreffen, wo sich Touristen so untereinander zu erkennen gaben), oder der See, dessen mittlerweile hellbraunes Farbgemisch abenteuerlustige Feriengäste, zur Abkühlung lockte. Nein, am schönsten waren die Tropennächte. Bei über 28 Grad im Wohnwagen. Stationärer Luftzirkulation auf engstem Raum mit sieben Leuten und einem Hund, der sich nicht nur im Moor gebadet hatte und sich nun das Fell von den Ohren kratzte, sondern, der auch noch mit dem Großvater um die Wette furzte. Klingt plump. War es auch. Die Matratze roch nach Diesel, die Lampe flackerte wie meine Existenz. Hach, ich liebte Camping – genau so wie meine drückende Blase, die mit dem Gedanken daran, im Dunkeln 100 Meter zur Toilette zu irren, wo einen Viecher in der Grösse von Golfbällen erwarten, konkurrierte. Die Blase hatte verloren und am Morgen hechtete ich zum Damenklo, wo bereits Platzwart Alonso zu «All the Single Ladies» den Wischmopp durch die Luft schwang. Eine Tafel gab darüber Aufschluss, was drinnen vor sich ging: Nichts! «Benützen Sie bitte die Herrentoilette. Hier wird geputzt.»

Ich stand also bei der Herrentoilette an, bis – wie sollte auch anders sein – Rüdiger die Kabine öffnete, noch kurz den Hosenstall zumachte und mir mit dem charmanten Kommentar «Lass krachen» den Weg freigab. Die Verriegelung war natürlich kaputt, logo, denn sowas gehörte ja wahrscheinlich zum «Vibe». Also öffnete ich mutig den Klodeckel. Oder besser: den Krater von Derweze. Das ganze geballte Martyrium eines Campingplatzes in einer Kloschüssel vereint. Montezumas Rache. Bevor ich würgen konnte, stürmte auf einmal Rüdiger die Kabine und ließ das Verderben mit einem Handgriff hinuntersausen, (wo es wahrscheinlich 20 Meter nebendran wieder aus der Erde gluckerte.)
«Na hoppla, da habe ich wohl die Spülung vergessen!»
Jaja, du billiger Lothar-Matthäus-Verschnitt du! Wäre, wäre, Fahrradkette! Dann doch lieber das Moor, dachte ich mir und stapfte aus der Kabine. «Drauf geschissen, wat?», rundete Rüdiger das Schreckensszenario feinfühlig ab.

Ich fragte mich, ob irgendjemand Rüdiger erzählt hat, er bekäme für jeden deplatzierten Witz einen Schweizer Franken. Dann könnte er spätestens am Ende der Ferien das Tessin und noch Italien dazu kaufen, Flavio Briatore in ein Drittweltland abschieben und junge Frauen mit Fäkalhumor beeindrucken.

Um wenigstens meine Kinder davor und vor dem wohl schlimmsten drohenden Hautausschlag – den das Seewasser ziemlich sicher grosszügig als Souvenir verteilen würde – zu bewahren, brach ich die «Prüfung des Grauens» in der realen Version meines persönlichen Dschungelcamps ab. Oder, um mit Rüdigers Worten einen poetischen Schluss zu geben: «Drauf geschissen».


Kommentare

Hirnschmalz-Abo

Hoppla, was für ein Service! Alle neuen Kolumnen direkt in deine Mailbox.

Gib bitte deine E-Mail-Adresse für die Anmeldung an, z. B. abc@xyz.com.

Mit der Anmeldung akzeptierst du unsere Datenschutzerklärung.


← Zur Startseite